Arbeitsgruppe Stadt- und Bevölkerungsgeographie

Die Aushandlung von Enteignung. Der Kampf um Anerkennung und Öffentlichkeit im Rahmen des Staudammbaus Belo Monte, Brasilien.

 

Der Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte im Flussgebiet des Xingu, Brasilien, ist beispielhaft für ein Wirtschaftsmodell, das üblicherweise als neodevelopmentalism bezeichnet wird. Der Logik des internen Kolonialismus folgend, zielt es darauf ab, dünn besiedelte und periphere Regionen wie den Amazonas über neo-extraktive Mechanismen und Großprojekte in den nationalen Kapitalismus zu integrieren. Das Beispiel von Belo Monte zeigt, dass die Enteignung Tausender von Familien - hauptsächlich Fischer*innen bzw. Flussbewohner*innen - nicht auf den materiellen Bereich beschränkt ist. Da sie gezwungen sind, ihre Häuser in der Stadt Altamira und/oder auf den umliegenden Inseln zu verlassen, müssen sie auch ihre Lebensweise und ihre jeweiligen Identitäten, Nachbarschaften, Geschichten usw. aufgeben. Das Forschungsprojekt analysiert diese komplexen Formen der Enteignung, die auch die psychosoziale Ebene betreffen. Basierend auf Butler und Athanasiou (2013) wird Enteignung als relationaler und multidimensionaler Prozess konzipiert. Enteignung wird jedoch nicht einseitig durchgesetzt, sondern - im Sinne von Arendts (2006[1961]) politischem Handeln und Tullys (1999) agonistischem Spiel - anhand verschiedener Formen konflikthafter Aushandlungen zwischen dem zuständigen Konsortium, den Betroffenen und anderen beteiligten Akteuren. Dabei ist Widerstand gegen Enteignung in erster Linie ein Kampf um Anerkennung. Durch die Analyse dieser Aushandlungsformen zielt die Forschung auf eine Konzeptualisierung des Enteignungsbegriffs ab, die hilft, die Komplexität solcher Großprojekte und so genannter Prozesse des development-induced displacement and resettlement  zu verstehen.

 


Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Sören Weißermel

Zentrale Publikationen siehe Mitarbeiter