Arbeitsgruppe Stadt- und Bevölkerungsgeographie

Tagung der Brasilien-AG der ADLAF

 

CALL FOR PAPERS

 

Brasilien im Umbruch?! Polarisierungen und Exklusion in interdisziplinärer Analyse
Tagung der Brasilien-AG der ADLAF in Kiel am 29.-30.11.2019 (Programm folgt)

 

versão portuguesa

Die jüngste politische Krise, die zur Absetzung der Präsidentin Dilma und zur Austeritätspolitik des Übergangspräsidenten Temer führte und in die Wahl des rechtsextremen Jair Bolsonaro zum Präsidenten Brasiliens mündete, deutet auf eine tiefgreifende gesellschaftliche Transformation Brasiliens hin. Diese Transformation zeigt sich in einer politischen Polarisierung des Landes, die zur Radikalisierung eines Teils der Bevölkerung geführt hat und etablierte gesellschaftliche Fraktionen durchbricht. Der globale Aufstieg des Rechtspopulismus nimmt in Brasilien unter anderem durch die massive Einflussnahme der evangelikalen Kirchen nicht nur auf die Mittelschicht, sondern insbesondere auch auf die unteren Einkommensschichten eine ganz spezifische Form an. Rassistische, sexistische und homophobe Ansichten gewinnen an gesellschaftlicher Akzeptanz.

Derzeit werden durch die intendierte Abschaffung von Fächern wie Soziologie und Philosophie an staatlichen Universitäten oder durch die Infragestellung und Bedrohung der Grenzen indigener Territorien langfristige strukturelle Transformationen eingeleitet. Minderheiten und kritisch Denkende werden bedroht und/oder verfolgt und kulturelle Arbeit zunehmend erschwert. Die radikale Liberalisierung der Wirtschaft und die alleinige Finanzierung von Bildungsbereichen, die direkte ökonomische Rendite versprechen, bedeuten eine Abkehr von den gesellschaftspolitischen Prozessen der letzten Jahrzehnte.

Diese Entwicklungen wurzeln in einer strukturellen sozioökonomischen Ungleichheit, die auch in den Regierungsjahren der PT nicht ursächlich bekämpft werden konnte. Die zunehmende Abschottung von Wohnquartieren sind genauso Ursache und Folge einer sich fragmentierenden Gesellschaft wie die nach wie vor hohe Kriminalität und (Polizei-)Gewalt. Auch die Rolle und Diskursmacht der Medien-Oligopole fußt in einer strukturellen Ungleichverteilung von Ressourcen und Macht. Wie sich bereits während des Wahlkampfes unter anderem in der Manipulierung und Instrumentalisierung neuer Medien andeutete, lässt sich eine durch die Regierung sowie andere mächtige Akteursgruppen initiierte Veränderung des gesellschaftspolitischen Diskurses feststellen, der historische Ereignisse beispielsweise während der Militärdiktatur neu bewertet und interpretiert und dabei demokratische Positionen der vergangenen Jahrzehnte radikal infrage stellt.

Die Tagung möchte die gesellschaftspolitischen Umbrüche und die damit einhergehenden Polarisierungen, Fragmentierungen und Ausgrenzungen analysieren und dabei Kontexte, Ursächlichkeiten, Konsequenzen, aber auch Gegeninitiativen und Widerständigkeiten aus einer interdisziplinären Perspektive heraus diskutieren. Die soziale, politische, kulturelle, ökonomische und ökologische Ebene und deren Überschneidungen sowie auch die zeitlichen und räumlichen Dimensionen sollen dabei Beachtung finden. Ziel der Tagung ist neben diesem thematischen Fokus auch die Nutzung des interdisziplinären Potenzials der Brasilien-AG, die für diese Debatten besonders wichtig ist. Dabei kann und soll die Tagung eine thematische Breite erfahren, in der machtpolitische Dimensionen, die Rolle des Kapitals, der Kirchen, NGOs und anderer relevanter (auch internationaler) Akteursgruppen, die Rolle diskursiver Herstellungsprozesse und Formationen und vieles mehr diskutiert werden. Aufgrund des Zusammenhangs von vergangenen Prozessen und Phänomenen der Polarisierung, Fragmentierung und Ausgrenzung mit den aktuellen Entwicklungen sind sowohl Beiträge, die sich auf zurückliegende Prozesse beziehen, als auch solche, die sich mit der aktuellen Situation beschäftigen, sehr willkommen. Dabei sollen etablierte und Nachwuchswissenschaftler*innen gleichermaßen zu Wort kommen.
 

Wir freuen uns über die Zusendung von Abstracts für sowohl konzeptionelle als auch empirisch basierte Vorträge, Vorschläge für die inhaltliche Gestaltung von Diskussionsrunden in verschiedenen Formaten und über weitere Anregungen, die eine produktive Debatte der Thematik befördern können.

Bitte reichen Sie Beiträge in portugiesischer, deutscher oder gegebenenfalls englischer Sprache ein.
Abstracts für Vorträge, Diskussionsrunden und Poster (jeweils ca. 250 Wörter) erbitten wir bis spätestens
31. Juli 2019
an wehrhahn@geographie.uni-kiel.de.

Tagungsorganisation: Rainer Wehrhahn und Sören Weißermel,
Universität Kiel (www.stadtgeo.uni-kiel.de).